Mode & Marken /24. August 2017

Willkommen in Pirmasens: Hauptstadt des deutschen Schuhhandwerks

Stück Leder mit auffälliger, orangefarbener Naht

Pirmasens – einmal gehört, vergisst man den Stadtnamen mit dem seltsamen Klang so schnell nicht wieder. Er geht zurück auf den heiligen Pirminius, einen Wandermönch, der um 700 nach Christus durch die südwestdeutschen Lande zog. Im Auftrag des karolingischen Herrschergeschlechts verkündete er dort den christlichen Glauben. Zu seinen Aufgaben gehörte es, Klöster zu gründen, was er auch fleißig tat, unter anderem das Kloster Hornbach, zu dem die Siedlung „pirminiseusna“ damals gehörte.

Nach erfolgreicher Ansiedlung wird es erst einmal still um das kleine Örtchen, erst im 18. Jahrhundert gibt es wieder Erwähnenswertes zu berichten, dann aber gleich im Superlativ, von dem die Stadt noch einige weitere hat: Landgraf Ludwig der IX. von Hessen-Darmstadt zog dazumal mit Glanz und Gloria ins Jagdschloss seines Großvaters ein, was Pirmasens nicht nur das Stadtrecht und eine Garnison einbrachte, sondern auch die nach Sankt Petersburg größte Exerzierhalle Europas. Weiterhin besitzt das Städtchen das am längsten durchgängig betriebene Kino Deutschlands, das 1913 eröffnete „Walhalla“. Es liegt am größten zusammenhängenden Waldgebiet Deutschlands, dem Pfälzerwald, der bis zu den Vogesen im Elsass reicht. Auch nach Frankreich ist es nicht weit und ein Abstecher zur deutschen Weinstraße bietet sich fürs Wochenende an. Doch wofür Pirmasens noch heute in aller Munde ist, ist das Handwerk, genauer, das Schuhhandwerk.

Vom Soldaten zum Schumacher

Schuster, der an einer Nähmaschine ein Stück Leder vernäht
Als Landgraf Ludwig 1790 gestorben war, wurde seine Garnison aufgelöst und 2.400 Soldaten standen mit ihren Familien auf der Straße. Zur Aufbesserung ihres Soldes hatte Ludwig ihnen erlaubt, ein Handwerk zu erlernen. Fortan bekamen die Einwohner von Pirmasens ihre Schuhe vom Militär repariert. Als die Soldaten sich nun nach einer neuen Lebensgrundlage umsehen mussten, fertigten sie zunächst aus den Resten ihrer Uniformen einfache Schlupfschuhe, im Pfälzer Dialekt „Schlabbe“ genannt, an. Sie waren leicht und ließen sich so auch über weite Strecken nach Frankreich und in die Niederlande transportieren.

Mit der einsetzenden Industrialisierung wurde aus der Flickschusterei, pfälzerisch „Schlabbefligge“, eine hochprofessionelle und profitable Branche, der Pirmasens den bis heute geläufigen Beinamen „Deutsche Schuhmetropole“ und die höchste Millionärsdichte Deutschlands verdankt. So findet man auch heute noch ganze Stadtviertel, die von den imposanten Villen ehemaliger oder aktueller Schuhbarone geprägt sind. 1914 gab es in Pirmasens sage und schreibe 240 Schuhfabriken mit 14.000 Beschäftigten; zu ihren Glanzzeiten waren es 350 Fabriken, die 25.000 Menschen beschäftigten. 1969 gilt als Rekordjahr: Über 32.000 Arbeiter stellten 62 Millionen Paar Schuhe her.
Angesiedelt waren unter anderem so berühmte Traditionsunternehmen wie Salamander, Kennel & Schmenger, » Caprice, » Carl Semler und Peter Kaiser. Die Maschinen liefen im Akkord, die Arbeitskräfte wurden ohne Lehrausbildung direkt von der Schule abgeworben, häufig standen sogar Stanzmaschinen in den Wohnzimmern, sodass die Ehefrauen helfen konnten, das vorgegebene Soll zu erfüllen. Und auch Soldaten gab es wieder: Nach dem Krieg wurden US-Streitkräfte in Pirmasens stationiert, damit war das Militär der zweite große Arbeitgeber in der Stadt.

Made in Pirmasens

Schuhsohlen in einer Fabrik
Auch heute noch sind viele Marken in Pirmasens ansässig und halten dem Standort die Treue. Besonders die Traditionsunternehmen Peter Kaiser und Carl Semler sind auch nach vielen Jahren von „Made in Germany“ überzeugt. Während Peter Kaiser vorwiegend elegante Damenschuhe produzieren lässt, steht die Marke Semler für hochwertige Bequemschuhe, die zu vielen Anlässen getragen werden können. Dass die Stadt Trendgespür in Sachen Schuhmode hat, beweist der Schuhfabrikant Kennel & Schmenger, der jede Saison mit vielen Trendmodellen den Schuhmarkt aufwirbelt: von der sportlich-schicken Stiefelette bis hin zum extravaganten Slipper finden Schuh-Fans hier alles, was das Herz höherschlagen lässt. Neben dem modischen Look, ist es aber vor allem die Qualität der Schuhe, die ihre Trägerinnen begeistert. Dank der Loyalität dieser Marken steht die Stadt nach wie vor für deutsches Qualitätshandwerk, das in aller Welt berühmt ist.

Von der Schuhfabrik zum Kulturzentrum

Ausblick auf Wald mit Burg
Natürlich gibt es in Pirmasens neben der Deutschen Schuhfachschule und dem Internationalen Schuhkompetenzzentrum auch ein Schuhmuseum zu besichtigen, in dem es neben einer der größten Schuhsammlungen Deutschlands – quer durch Länder und Epochen – auch eine kleine Schuhwerkstatt zu bestaunen gibt. Doch auch abseits allen Schuhwerks hat das Städtchen einiges zu bieten. Die recht späte Stadtgründung bescherte ihr eine Fülle prachtvoller Gründerzeitbauten, darunter das liebevoll restaurierte, prächtige „Königlich Bayerische Postamt“ und das „Alte Rathaus“, aber auch Kirchen und einige Schulgebäude. Viele der alten Schuhfabriken wurden inzwischen neuen Zwecken zugeführt, Orte für Kunst und Kultur entstanden in denen Ausstellungen lokaler Künstler stattfinden.

Um den Bahnhof stehen ganze Straßenzüge unter Denkmalschutz, weil sie den Krieg weitgehend unbeschadet überstanden haben und so ein eindrucksvolles Bild zeitgenössischer Architektur geben. Schattige Parks mit altem Baumbestand laden außerdem zum Verweilen ein. Wenn man nach dem Ausflug in die Geschichte doch noch ein wenig in Shoppinglaune ist, locken viele Outlets mit günstigen Preisen für Qualitätsschuhe.

Danach hilft einem die kräftige Pfälzer Küche wieder auf die Beine: Versuchen Sie sich mal an einer Pfälzer Dreifaltigkeit, einer Platte mit Leberknödel, Bratwurst, Saumagen und Sauerkraut, dazu Brot und einem Glas guten Landwein. Wir wünschen Guten Appetit!

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